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Eine Biogasanlage erobert eine Gemeinde

Geschrieben von Franziska Kleiner.

Artikel aus der Strohgäu Extra vom 09.09.2009
Die Hemminger Anlage ist nach Münchingen die zweite ihrer Art im Landkreis Ludwigsburg. Seit annähernd drei Jahren ist sie im Betrieb. Rechnerisch können von hier aus 1400 Haushalte mit Strom versorgt werden. Von Franziska Kleiner

Eine Biogasanlage auf Hemminger Gemarkung? Eine privatwirtschaftlich betriebene Anlage zur Energieversorgung von mehreren öffentlichen Gebäuden im Nachbarort Schwieberdingen? Gebaut auf dem Gelände eines landwirtschaftlichen Betriebs, in einer Gegend also, in der sich vor allem Spaziergänger begegnen? Als über das Projekt im Februar 2006 erstmals öffentlich im Hemminger Gemeinderat diskutiert wurde, spielten diese Fragen in den Wortbeiträgen der Räte aller Fraktionen nur am Rande eine Rolle. Gleichwohl schwangen sie in den folgenden Monaten immer wieder mit, als die Anlage Gestalt annahm. So ökologisch sich die Gemeinderäte gaben - grundsätzlich standen die Kommunalpolitiker über Parteigrenzen hinweg stets geschlossen hinter dem Plan -, so schwer taten sie sich im Detail mit der Umsetzung.

Das Einfachste war noch, dass formalrechtlich eine Änderung des Flächennutzungsplans, ein vorhabenbezogener Bebauungsplan sowie ein Verfahren nach dem Bundesimmissionsschutzgesetz notwendig wurden. Aber würden die Spaziergänger nicht fortan unter Geruchsbelästigung leiden und würde man - nach der Explosion einer Anlage im Jahr 2007 im Kreis Biberach - nicht doch ein enormes Sicherheitsrisiko eingehen? Offenbar nicht.

In der Biogasanlage werden inzwischen jährlich rund 5000 Kubikmeter Gülle verwertet, außerdem 10 000 Tonnen Energiepflanzen, also Mais, Getreide oder Gras-Silage, die auf rund 220 Hektar Fläche angebaut werden. Landwirte aus Hemmingen und Umgebung wurden dafür unter Vertrag genommen. Durch die Vergärung dieser Stoffe produziert die Anlage Strom, der in das Stromnetz eingespeist wird. Rechnerisch ist es so viel, dass 1400 Haushalte mit Strom versorgt werden könnten. Die Anlage auf dem Hemminger Haldenhof besteht aus Fermenter, Gärrestbehälter und Technikgebäude, einem Blockheizkraftwerk mit 700 Kilowatt elektrischer Leistung, dem Annahmegebäude und der Siloanlage.

Entstanden ist die Biogasanlage, weil die Schwieberdinger vor der Wahl standen, entweder ihre 30 Jahre alte Stromheizung zu sanieren oder die Wärmeversorgung aus ökologischen Gründen völlig neu zu gestalten. Nun werden das Schulzentrum, das Hallenbad sowie das Rat- und Bürgerhaus mit Wärme aus der Biogasanlage versorgt. "Die Nähe zum Wärmeabnehmer hat den Ausschlag für den Standort Haldenhof gegeben", erklärt Ulrich Ramsaier, der Planer des beauftragen Ingenieurbüros Schuler. Ramsaier ist gleichzeitig Geschäftsführer der Naturenergie Glemstal GmbH, in der sich die Landwirte für den Anlagenbetrieb zusammengeschlossen haben. Gemeinsam mit der Betreibergesellschaft KWA sind sie für das drei Millionen Euro teure Projekt verantwortlich. "Wir müssen hier den Verwaltungsverbandsgedanken sehen", warb der Hemminger Bürgermeister Werner Nafz (Freie Wähler) einst um jene Räte, die anfangs noch gezögert hatten. Die Kommunen sind im Gemeindeverwaltungsverband auch für die Realschule verantwortlich.

Seit dem Ende des Jahres 2006 ist die Anlage nun im Betrieb. Weil sie im Sommer zu wenig Wärme für die Schwieberdinger Einrichtungen produziert, wurde die Anlage an einem zweiten Standort um eine Holzpellet- und Holzhackschnitzelanlage erweitert. Auch hier mussten Skeptiker überzeugt, Widerstände überwunden werden: Warum sollte wegen einer geringen Wärmeleistung eigens eine Leitung im Ort verlegt werden, hieß es noch im Dezember des vergangenen Jahres in der Verwaltung. Die Kopplung der beiden Anlagen im Ballungsraum habe Vorbildcharakter, erklärte hingegen das Landwirtschaftsministerium und vergab sogar einen mit 210000 Euro dotierten Förderpreis. So sollen künftig 400 Wohnungen im Wohnpark Schlossgut mit Wärme aus erneuerbarer Energie versorgt werden.

Seit Wochen sind die Bauarbeiter nun am Werk; sie werden es noch bis November sein. Zunächst werden die Wärmeleitungen von der Biogasanlage zum Standort der Holzheizzentrale und von dort aus durch das Gewerbegebiet verlegt: die Gewerbebetriebe entlang der Leitungstrasse sollen ebenfalls von der regenerativen Energie profitieren. Laut Ulrich Ramsaier soll der Kohlendioxidausstoß jährlich um 2000 Tonnen reduziert werden, in der Heizperiode könnten bis zu 600 000 Liter Heizöl eingespart werden.

Dass Hemmingen damit den Einstieg in die Nutzung regenerativer Energien geschafft hat, wurde unlängst - im Vergleich zu den zuvor geführten Diskussionen - eher nebenbei bemerkt.

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